Ausbildungssuche: Mehr Optionen durch Reflexion

 

Im letzten Jahr blieben in Deutschland rund 57.700 Ausbildungsstellen unbesetzt, während 24.500 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden konnten - so war kürzlich im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019 zu lesen.
Wie kann das sein, den Zahlen nach sollte doch jeder ausbildungsplatzsuchende Jugendliche mit mehr als zwei Ausbildungsplätzen bestens versorgt werden können? Scherz beiseite: der Berufsbildungsbericht erklärt diese Diskrepanz mit „Passungsproblemen“.  
Wie diese zustande kommen können, hat Stephanie Matthes im Rahmen einer BIBB –Studie untersucht: Sie hat sich der Frage angenommen, warum es Berufe gibt, die von Schulabgängern auf Ausbildungssuche nicht in Betracht gezogen werden. Mit teilweise überraschenden Ergebnissen und konkreten Lösungsvorschlägen.

 
 
Die Autorin untersuchte an mehreren Schulen, wie Schüler eine Ausbildung in einem Pflegeberuf einschätzen. Pflegeberufe standen dabei exemplarisch für Berufe mit einem besonders hohen Fachkräftemangel. Außerdem waren sie aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen gut geeignet, die Fragestellungen der Studie besonders aussagekräftig zu beantworten.

Ergebnis: Aversion sticht Attraktion

Bei der Studien- und Berufswahl fällt die Entscheidung der Ausbildungssuchenden auf Berufe, die eine möglichst hohe Passung zwischen den eigenen beruflichen Interessen und den von den Jugendlichen vermuteten Tätigkeiten eines Berufes zeigen (Attraktionsfaktoren).

Kommen bei diesem Berufswunsch aber „Störfaktoren“ ins Spiel, können diese die Neigung, den Beruf zu wählen signifikant abschwächen, bis hin zum Verlust des Interesses am betreffenden Beruf.  
Die Autorin hat diese negativen Einflussfaktoren (Aversionsfaktoren) auf die Einschätzung eines ursprünglich als attraktiv empfundenen Berufs in Kategorien eingeteilt:

Negative Reaktionen des sozialen Umfelds
Hier geht es um tatsächliche und auch nur angenommene negative Reaktionen, beispielsweise, wenn der betreffende Beruf vom Freundeskreis kritisch gesehen wird.

Mangelnde Realisierbarkeit der Ausbildung
Zum Beispiel wenn es in der Region wenig Ausbildungsplätze oder hohe Anforderungen an die Bewerber und Bewerberinnen gibt.

Mangelnde Urteilssicherheit hinsichtlich des Berufs
Beispielsweise wenn die Jugendlichen keine ausreichenden Kenntnisse über die Anforderungen des in Frage kommenden Berufs haben.

 

Diese Aversionsfaktoren können laut den Studienergebnissen dazu führen, dass Berufsoptionen in der eigenen Entscheidung schlechter bewertet werden oder sogar  ausgeschlossen werden, auch wenn gleichzeitig Attraktionsfaktoren vorhanden sind.

Ein weiterer untersuchter Einflussfaktor wirkte sich nicht in jedem Fall negativ auf die Entscheidung für einen bestimmten Beruf aus: Als problematisch empfundene Rahmenbedingungen wie körperliche Anstrengungen oder wechselnde Arbeitszeiten werden unter Umständen nicht als Ausschlusskriterium in die Entscheidung einbezogen.

Die Autorin schließt aus den Ergebnissen, dass die nicht besetzten Ausbildungsplätze zu viele Aversionsfaktoren beinhalten könnten und deshalb möglicherweise für die Jugendlichen, die ihren Wunschberuf nicht erlernen können, keine adäquate Alternative darstellen.

 

Die Befragung
Die Befragung fand 2015 bei 1.472 Schülern der Jahrgangsstufen neun und zehn an verschiedenen allgemeinbildenden weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen statt.
Befragt wurden jeweils alle Schüler mit einem Fragebogen zu ihren beruflichen Wünschen.
Die Neigung zu Pflegeberufen sowie die Erhebung der Aversionsfaktoren war Teil des Fragebogens.
Um eine Beeinflussung der Schüler zu vermeiden, wurde das Interesse der Studie nicht mitgeteilt.
 

Welche neuen Aufgaben kommen nach diesen Erkenntnissen auf die Berufsorientierung zu?

Die Studienergebnisse zeigen, dass bei der Entscheidung für oder gegen einen Beruf auch ein beträchtlicher Teil Vermutungen einfließt, die zutreffen können, aber nicht müssen.

Stephanie Mathes Empfehlung: Klarheit schaffen durch Reflexion und Information. Berufsorientierung sollte nicht nur jene Faktoren berücksichtigen, die Berufe attraktiv machen, sondern auch Reflexionsprozesse über die Bedeutung von Aversionsfaktoren anstoßen.

Jugendliche sollen angeregt werden, die eigenen Vermutungen bezüglich der Berufe kritisch zu hinterfragen und ggf. zu entkräften. Auch die Frage, wie weit das Image eines Berufs und das eigene Statusbedürfnis in die Berufswahl einfließen, spielt hierbei eine Rolle.
Auf diese Weise können Vermutungen und Unwissenheit gegenüber bestimmten Berufen, die sich sonst negativ auf die Entscheidung auswirken, ausgesprochen, besprochen und teilweise entkräftet werden.
Zum Beispiel muss die erwartete (negative) Reaktion des sozialen Umfelds auf die Berufswahl gar nicht eintreten oder es stellt sich bei genauerem Hinsehen heraus, dass die Arbeitsinhalte eines bestimmten Berufs genau den eigenen Vorstellungen entsprechen.

(Quelle: Stephanie Matthes: „Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung“, 2019
https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/9795 )

 

So vielversprechend die Vorschläge sind, so schwierig ist die praktische Anwendung:
Reflexionsprozesse anzustoßen ist eine Herausforderung, die möglicherweise eine spezielle Schulung erfordert. Es wird sich zeigen, wie weit dies im Rahmen der Berufsorientierung an der Schule möglich sein wird.
Eine einfacher umzusetzende Methode, Reflexionsprozesse auf praktische Art anzuregen, könnte allerdings darin bestehen, Auszubildende von Berufen, deren Ausübung vermutlich bei jungen Menschen viele Aversionsfaktoren auslöst, einzuladen, um über ihre Arbeit zu sprechen und Fragen der Schülerinnen und Schüler zu beantworten.
Dies könnte es ermöglichen, die eigene Einschätzung zu revidieren bzw. sich einiger Aversionsfaktoren überhaupt erst bewusst zu werden. Diese können dann im Idealfall gleich aus der Welt geräumt werden.

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Zur Studie
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