Sternchenaufgabe: So geht genderneutrale Berufsorientierung

Die meisten von uns ertappen sich trotz aller Bemühungen hin und wieder bei nicht gendergerechtem Verhalten. Es ist halt gar nicht so leicht, sie loszuwerden, die alten Geschlechterklischees. Junge Menschen sind hier häufig schon einen Schritt weiter – gleichzeitig sind insbesondere sie darauf angewiesen, den richtigen Input für die Entwicklung ihres Verhaltens zu bekommen.
Auch die Schule übt in Punkto Geschlechterrollen einen großen Einfluss auf Jugendliche aus - das gilt gleichermaßen für den Bereich der schulischen Berufsorientierung. Im Idealfall sollten junge Menschen hier frei von stereotypen Annahmen über geschlechtsspezifische Berufe verschiedenste Berufsmöglichkeiten ausprobieren können.
Wie schwer eine solche genderneutrale Berufsorientierung ist, kann man sich denken. Zu tief sind geschlechtsspezifische Annahmen noch in unserem eigenen Denken und Handeln verwurzelt.
Charlotte Grabert vom Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Universität Bremen hat im Rahmen einer qualitativen Studie den Einfluss von Lehrkräften auf das Berufswahlverhalten ihrer Schüler*innen untersucht.

Wir haben mit ihr und weiteren Expertinnen für genderneutrale Berufsorientierung gesprochen und deren praxisorientierte Empfehlungen für Sie zusammengefasst.

 
 
 

Wie beeinflussen Lehrkräfte den Aufbau des individuellen Rollenverständnisses ihrer Schüler*innen?

Das System von Geschlechtsverständnis, dazugehörigen Kategorien und entsprechenden Eigenschaften wird von Schüler*innen in Lern- und Erfahrungsprozessen sukzessive aufgebaut.
Dabei spielt neben den Sozialisationsräumen der Familie und der Peer-Group auch die schulische Sozialisation eine tragende Rolle. Lehrkräfte wirken mit ihrem Verhalten auf die Schüler*innen ein und beeinflussen diese in ihrem Identitätsaufbau. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf den Aufbau des Geschlechterverständnisses und die damit verbundenen Berufsentscheidungen.
In der Theorie der schulischen Sozialisation wird der Einfluss der Lehrkräfte auf die Persönlichkeitsentwicklung und die damit verbundene Berufswahlentscheidung der Schüler*innen als sehr hoch eingeschätzt. Die Lehrkräfte fungieren im Kontext Schule als Vermittlungsinstanz zwischen Gesellschaft und Individuum, als Rollenvorbilder, als Informationsquellen und als Ratgeber*innen im Orientierungsprozess der Kinder und Jugendlichen. Eine enge Begleitung der Jugendlichen durch die Lehrkräfte ist deshalb zum Aufbau einer stabilen und realistischen Orientierungsgrundlage unabdingbar. *)
 

Geschlechtssensible (Unterrichts-) Kommunikation: Empfehlungen für Lehrkräfte

Lehrkräfte sollten…

 

  • die Schüler*innen über unterschiedliche Geschlechtsverständnisse und deren Relativität informieren, aufklären und zur Reflexion anregen
  • eine Förderung von subjektorientierten Zuschreibungen anstatt geschlechtsorientierten Zuschreibungen im gesamten Schulalltag von Beginn an integrieren
  • eigene geschlechtsspezifische Erwartungshaltungen reflektieren und in geschlechtsneutrale, subjektorientierte Erwartungen umwandeln
  • die Bedeutung des eigenen Lobverhaltens reflektieren, geschlechtsspezifisches Lobverhalten reflektieren und in geschlechtsneutrales, subjektorientiertes Lobverhalten umwandeln
  • eigene Kategoriebildungen, Zuschreibungsprozesse und dementsprechend unterschiedliches Handeln im Umgang mit den Schüler*innen reflektieren und möglichst vermeiden *)

Empfehlungen für eine genderneutrale Berufsorientierung

Um den individuellen Bedürfnissen der Schüler*innen gerecht zu werden und tatsächlich einen Berufswahlprozess mit enger Begleitung anzuregen, sollte die Berufsorientierung und damit die in ihr handelnden Akteure der Differenzierung und Subjektorientierung einen größeren Stellenwert zuschreiben.

 

Verantwortliche Gestaltende der Berufsorientierung an Schulen sollten…

 

  • bei den Lehrkräften ein Verantwortungsgefühl für die berufliche Orientierung der Schüler*innen wecken
  • Zeit und Raum für Berufsorientierung als wichtiges Element schulischer Bildung einplanen
  • bei den Lehrkräften das Verständnis einer Berufsorientierung als zu begleitender Prozess verankern
  • die Lehrkräfte dazu anregen, Offenheit und Interesse in Bezug auf das Thema Berufsorientierung zu signalisieren
  • Praxis-Erfahrungen individuell und trotzdem mit gleicher Qualität ermöglichen, um Chancengleichheit zu sichern
  • die enge Begleitung und umfangreiche, tiefgreifende Auswertung von Praxiserfahrungen verankern
  • für die Bedeutung von Differenzierungsmöglichkeiten und Subjektorientierung sensibilisieren und ein Streben danach anregen
  • den Schüler*innen ein Mitspracherecht bei der Auswahl vorgestellter Berufe (z. B. in der Projektwoche) ermöglichen
  • geschlechtsneutral und subjektorientiert berufsbezogenes Vorwissen und Erfahrungen vermitteln bzw. ermöglichen
  • die Lehrkräfte dazu anregen, mit den SuS über Sorgen, Ängste und empfundene Risikofaktoren für die eigene Berufsbiografie zu sprechen, mit dem Ziel, wahrgenommene geschlechtlich bedingte Einschränkungen zu neutralisieren *)

*) Die obenstehenden Inhalte und Empfehlungen entstammen der Quelle: Grabert, Charlotte (2021): Berufsorientierung und Geschlecht. Welchen Einfluss nehmen die Lehrkräfte auf das Berufswahlverhalten ihrer Schüler*innen? Masterarbeit an der Universität Bremen, Fachbereich 12: Erziehungs- und Bildungswissenschaften

Den Zusammenhang zwischen Beruf und Geschlecht als Anlass zur Reflexion nutzen: Charlotte Grabert

geva-institut: Frau Grabert, was können wir aus den zentralen Ergebnissen Ihrer Arbeit für künftige Berufsorientierungsprojekte in der gymnasialen Oberstufe an Erkenntnissen ableiten? Gibt es eine zentrale Handlungsempfehlung an die Lehrerinnen und Lehrer?
 
Charlotte Grabert: Zunächst einmal gilt es, sich die Bedeutung des jeweiligen Projektes für den Berufsorientierungsprozess der Jugendlichen bewusst zu machen. Zentrale Erkenntnis meiner Forschung war für mich vor allem die herrschende Diskrepanz zwischen den Schüler*innen auf der einen Seite mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und reflexionsbedürftigen Erfahrungen zu dieser Thematik und auf der anderen Seite den schulischen Akteuren, die der Berufsorientierung kaum Stellenwert zusprechen. Geschlechtsneutrale Berufsorientierung benötigt Zeit, Raum und ein Verantwortungsgefühl, ja überhaupt ein Bewusstsein der Lehrkräfte für ihre Rolle im Berufsorientierungsprozess ihrer Schüler*innen. Berufsorientierung bedeutet nicht nur, den Jugendlichen eine Handvoll Berufe vorzustellen oder durch ein ausgelagertes Praktikum einen praktischen Einblick zu ermöglichen.
Berufsorientierung bedeutet vor allem, den Schüler*innen durch individuelle Beratung, Begleitung und wiederkehrende Reflexionsanlässe zu ermöglichen, eine realistische Orientierungsgrundlage über die Arbeitswelt aufzubauen, ein stabiles reflektiertes Fähigkeits-Selbst-Konzept auszubilden und gemachte Erfahrungen und gewonnene Erkenntnisse permanent zu diskutieren, zu hinterfragen und zu reflektieren.
Berufsorientierungsprojekte, die nur punktuell und additiv zum Curriculum geplant werden, können dies nicht leisten. Stattdessen sollte die Berufsorientierung als langfristige und permanente Aufgabe verstanden werden, in der nicht die Berufe im Vordergrund stehen, sondern die Stärkung des Individuums, welches sich letztendlich für oder gegen einen bestimmten Beruf entscheidet. Die in meiner Arbeit vorgestellte Forschung zeigt unter anderem, dass fehlende subjektorientierte und differenzierte Begleitung den Schüler*innen den Aufbau einer stabilen und realistischen Orientierungsgrundlage in der BO verwehrt.

Charlotte Grabert
"Nur durch die Orientierung auf das Individuum und die erst daraufhin entwickelte Passung der Berufsorientierungsmaßnahmen kann die vermittelte Orientierungsgrundlage wirklich stabil, realistisch und damit nachhaltig bedeutsam für die Schüler*innen sein."
 
Charlotte Grabert hat die qualitative Studie zu Berufsorientierung und Geschlecht im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Bremen durchgeführt.

Nach ihrem erfolgreich abgeschlossenen Masterstudiengang für Erziehungs- und Bildungswissenschaften ist sie nun am Landesinstitut für Schule (LIS) in Bremen als Referendarin für Lehramt an Grundschulen tätig.
 
 
 
 
Ein weiteres Ergebnis ist die Erkenntnis, dass sich eine persönliche Bindung zwischen Lehrkraft und Schüler*in begünstigend auf die Beratungskultur in der BO auswirken kann. Auch hier ist der Faktor Individualität der entscheidende: Fühlen sich die Jugendlichen als Individuum wahrgenommen und „gekannt“, sind sie auch empfänglich für Beratung. Eine zentrale Handlungsempfehlung, die ich den Lehrkräften dementsprechend geben würde ist:
Machen Sie sich bewusst, dass der Berufsorientierungsprozess für Ihre Schüler*innen ein bedeutsames Thema ist, das vor allem elementarer Bestandteil ihrer Persönlichkeitsentwicklung ist und dass Sie als Lehrkraft mit und ohne Berufsorientierungsmaßnahmen, bewusst und/oder unbewusst diese Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen und damit mitbestimmen, für oder gegen welche Berufe sich die so geprägten Individuen entscheiden und auf welcher Grundlage sie diese Entscheidung treffen. Planen Sie Berufsorientierungsmaßnahmen deshalb immer vom Individuum aus, planen Sie dafür Raum und Zeit ein und gehen sie verantwortungsvoll, sensibel und reflektiert mit ihrer Rolle um.
Können Sie bestimmte Maßnahmen in der schulischen BO empfehlen, die insbesondere Genderneutralität unterstützen bzw. bei den Beteiligten (Lehrkräfte, Schüler*innen) sogar ein stärkeres Bewusstsein dafür schaffen: dieser Beruf ist auch für mich geeignet (obwohl er gemeinhin noch als „Männer-“ bzw. „Frauen-Beruf" gilt)?

Aus den geführten Interviews in meiner Forschung wird ersichtlich, dass die Lehrkräfte den Aufbau des individuellen Rollenverständnisses ihrer Schüler*innen in Bezug auf das Geschlecht beeinflussen. Sie können dabei immer wieder neu durch ihre Haltung und ihr Handeln entscheiden, ob sie über Geschlechtsverständnisse neutral informieren und aufklären oder die eigenen Geschlechtsverständnisse unreflektiert weiter vermitteln, ob sie Kategorien konstruieren oder dekonstruieren und ob sie dazu beitragen wollen, Zuschreibungen von Eigenschaften entweder geschlechtsorientiert oder subjektorientiert zu machen.
Auch bei der Genderneutralität gilt: Weniger die Berufe und ihre Konnotation als möglicher „Männer“- oder „Frauenberuf“ in den Fokus stellen, sondern mehr auf das Individuum mit seinem Fähigkeits-Selbst-Konzept, seiner Selbsteinschätzung, seinen Präferenzen, seinen beruflichen Wertehaltungen und seinen wahrgenommenen Alternativen eingehen, ganz unabhängig von der Kategorie Geschlecht.
Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass der aktuelle gesellschaftlich bestehende Zusammenhang zwischen Beruf und Geschlecht gar nicht thematisiert werden soll. Statt jedoch als zentraler Punkt der genderneutralen Berufsorientierung verstanden zu werden, soll er als zusätzlicher Gesprächsanlass genutzt werden, der zu Reflexion und Positionierung genutzt werden kann.
 
Die von Ihnen befragten Schüler*innen äußern immer wieder den Wunsch nach Unterstützung, Begleitung und Beratung bei der beruflichen Orientierung. Kommt das Thema aus Ihrer Sicht im schulischen Alltag zu kurz und sind die Lehrkräfte mit dem Thema überhaupt die richtigen Adressaten?

Wie bereits beschrieben, spielen die Lehrkräfte als aktiv handelnde Akteure innerhalb der Sozialisationsinstanz Schule eine tragende Rolle und beeinflussen mit ihren Haltungen und Handlungen die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Schüler*innen. Dies hat Auswirkungen auf das (auch geschlechtliche) Rollenverständnis der Schüler*innen und damit auch auf ihr Berufswahlverhalten. Einer Verantwortung für das Berufswahlverhalten der Jugendlichen können sich die Lehrkräfte also schon aufgrund ihrer Rolle und Position gar nicht entziehen. Aus dieser Verantwortung heraus lässt sich meiner Meinung nach begründen, warum Lehrkräfte passende Adressat*innen für den Wunsch nach Unterstützung, Begleitung und Beratung in der beruflichen Orientierung sind. Sie können dieser Verantwortung allerdings nur gerecht werden, wenn die Rahmenbedingungen für diese „neuen Anforderungen“ an Berufsorientierung dies auch zulassen. Den Interviews meiner Forschung zufolge ist dies aktuell noch nicht Realität.

Erkenntnisse in der Praxis bestätigt: Interview mit Prof.in Dr.in Alisha Heinemann

geva-institut: Frau Prof.in Heinemann, konnten Sie in Ihrer bisherigen Projektbegleitung von BO-GyO ähnliche Erkenntnisse hinsichtlich geschlechtsspezifischen Verhaltens und - Erwartungshaltung von Lehrkräften und Schüler*innen gewinnen wie Frau Grabert?

 

Prof.in Alisha Heinemann: Die von Frau Grabert genutzten Daten stammen zum Teil ja aus dem Projekt selber, daher kann ich diese Frage nachdrücklich mit JA beantworten. Trotz der vielen Jahrzehnte, in denen Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterreflexivität auf unterschiedlichsten Ebenen diskutiert, erforscht und in Form von unterschiedlichsten Projekten in der Schule implementiert wurde (Girls Day, Boys Day, Komm mach MINT, etc.) bleiben die alltäglichen Zuschreibungspraxen in den Schulen irritierend heteronormativ und damit dichotom. Die Schule ist damit letztlich ein Spiegel der Gesellschaft. Solange es Mädchen*- und Jungen*kleidung gibt, Mädchen*- und Jungen*spielzeug und ein Konzept von Frauen*- und Männer*berufen, ist es für Lehrer*innen, die nicht feministisch sozialisiert und/oder politisiert sind, nicht sehr naheliegend, bewusst gegen starre - aber gesellschaftlich anschlussfähige - Rollenbilder zu intervenieren. Abgesehen von der Anstrengung, die das kostet, ist vielen Lehrkräften gar nicht bewusst, wie sehr sie damit den Möglichkeiten Ihrer Schüler*innen für ein glückliches und erfülltes (Berufs-)leben im Weg stehen. Studienergebnisse zeigen immer wieder die Bedeutsamkeit des Einflusses von Lehrer*innen auf die Berufswahlentscheidung von Schüler*innen.

Wird mir etwas nicht zugetraut, weil ich ein Mädchen* bin, mir von etwas abgeraten, weil ich ein Junge* bin, statt mich in erster Linie darin zu stärken, unabhängig von Geschlechterstereotypen meinen eigenen Interessen und Fähigkeiten zu folgen, werden Türen geschlossen, noch bevor etwas überhaupt ausprobiert werden konnte.

 

Prof.in Alisha Heinemann
hat die Studie von Frau Grabert betreut.

Sie ist an der Universität Bremen im Bereich Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildungsverläufe und Diversität tätig und ist dort unter anderem (gemeinsam mit Prof. Dr. Rudolf Schröder) mit der Projektleitung der "Wissenschaftlichen Projektbegleitung und -koordinierung der Beruflichen Orientierung an den Gymnasialen Oberstufen der Gymnasien und Oberschulen sowie an den Beruflichen Gymnasien in den Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven" betraut – kurz BO-GyO genannt - ein vom Bund finanziertes Projekt mit dem Ziel, die Berufliche Orientierung an den Oberstufen im Land Bremen weiterzuentwickeln.
 Foto: Jakob Börner
Haben Sie im Projekt Maßnahmen ergriffen, um ein geschlechtssensibles Handeln von Lehrkräften und eine (möglichst) genderneutrale Berufsorientierung zu fördern? Wenn ja, welche?
 
Wir haben im Rahmen des Projekts vor allem erstmal eine Bestandsaufnahme gemacht und werden in einem nächsten Schritt konkretere Maßnahmen für Lehrkräfte entwickeln, die von Erklärvideos bis zu Fortbildungseinheiten reichen. Für Schüler*innen hingegen wurde im Projekt ein reichhaltiges Angebot zur Reflexion und beruflichen Orientierung entwickelt. So wurden zahlreiche spannende und innovative Materialien im its learning Portal (edu-portal im Land Bremen, das allen Schüler*innen zur Verfügung steht) eingestellt und mit der futureBOx ein digitales Portfolio entwickelt, das Schüler*innen nicht nur in der Selbstreflexion, sondern auch bei der Informationssuche und Bewerbung unterstützt. Hier finden Schüler*innen die Möglichkeit, sich zu informieren und inspirieren zu lassen, ohne dass sie durch eventuell verengte Perspektiven ihrer Lehrer*innen, Eltern und/oder Peers in ihren Suchoptionen eingeschränkt werden.

Eine geschlechterreflektierte Begleitung kann einen essentiellen Beitrag leisten, Stereotype aufzulösen und das Berufswahlspektrum dem eigenen Interessen- und Stärkenprofil anzupassen: Susanne Lichtenberg

geva-institut: Frau Lichtenberg, die Studien- und Berufsvorschläge im geva-test© sind ja völlig genderneutral. Machen Sie in den Gesprächen mit den Teilnehmenden oft die Erfahrung, dass deren Berufsvorstellungen auf Geschlechtsstereotypen beruhen, und wie wirken Sie hier dagegen?

 

Susanne Lichtenberg: In der Praxis zeigt sich ganz deutlich eine Festschreibung von Stereotypen in der Berufsorientierung der Schüler*innen und eine Diskrepanz zwischen empfundenem Anspruch und empfundener Realität in der Lebenswelt, die wenig Schnittmengen mit der Arbeits- und Berufswelt aufweist. Realisierungsoptionen von Wünschen und Vorstellungen stoßen an reale lebens- und berufsperspektivische Grenzen und führen zu einer zunehmenden Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität.

Eine insbesondere in Pandemiezeiten fehlende, bzw. eingeschränkte subjektorientierte, differenzierte Begleitung verwehrt Schüler*innen den Aufbau einer stabilen und realistischen Orientierungsgrundlage und führt damit zu einer manifestierten  Festschreibung geschlechtsspezifischer Erwartungshaltungen.

 

Susanne Lichtenberg
vom Bildungszentrum der Wirtschaft im Unterwesergebiet e.V. führt im BO-GyO-Projekt mit interessierten Schülerinnen und Schülern im Anschluss an den geva-test© Feedbackgespräche zur Reflexion der Testergebnisse durch. Gemeinsam mit den Schüler*innen erarbeitet sie vertiefende Informationen zu deren Stärken, Entwicklungspotentialen und beruflichen Interessen.

„Es ist mir ein Anliegen, offen, sensibel und reflektiert mit dem Geschlechtsbegriff umzugehen. Ich bin mir meiner eigenen internalisierten gesellschaftspolitischen Zuschreibungen und Konstruktionen von Geschlecht bewusst. Daher befinde auch ich mich in einem Prozess der Selbstreflexion, mein eigenes Handeln, meine eigenen Muster zu überdenken, Ressourcen zu erkennen und daraus konkrete Handlungsmaßnahmen abzuleiten.“
 
 
 
 
Eine geschlechterreflektierte Begleitung, ein individuelles reflektierendes Coaching in Form von Feedbackgesprächen kann einen essentiellen Beitrag leisten, Stereotype zu erkennen, zu hinterfragen, aufzulösen und das Berufswahlspektrum dem eigenen Interessen- und Stärkenprofil anzupassen. So kann ein maßgeblicher Beitrag zum Abbau von Vorbehalten gegenüber geschlechtsuntypischen Ausbildungsberufen im operativen Bereich geleistet werden.
 
Essentiell ist das Aufzeigen von Optionen, die eigenen Interessen, Kompetenzen, Potenziale, Fähigkeiten und Wünsche zu erkunden und anhand gemachter Erfahrungen zu reflektieren und zukünftig auszubauen.
Die Ergebnisse der geva-test-Analyse liefern hier Anknüpfungspunkte, mit den Teilnehmer*innen in einen Diskurs zu treten und im Zusammenspiel mit den detaillierten Informationen der Testauswertung Erkundigungen über Berufsfelder, -wege, Karriere- und Verdienstmöglichkeiten einzuholen und Strategien zur Berufswahl- und Entscheidungsfindung kennenzulernen. Diese Erkenntnisse sind durch Praktika zu vertiefen und mit Erwartungen und eigenen Vorstellungen abzugleichen. Daraufhin können Realisierungsstrategien entwickelt werden.
Abgerundet wird die Beratung durch die Vermittlung regionaler Beratungs- und Unterstützungsangebote sowie dem Anstoß zu einer begleitenden analog oder digital gestützten, kompetenzorientierten Portfolioarbeit mit dem Ziel der Reflexion bisheriger Erfahrungen und der Gestaltung zukünftiger Entwicklungsoptionen, Potentialentfaltung und Motivation.
Benötigt werden und zum Einsatz kommen Materialien, welche zunehmend Berufsorientierung mit der sozialen Dimension Geschlecht verknüpfen und Konkretisierungen einer gendersensiblen, klischeefreien Berufsorientierung im Rahmen von Schule bieten.

Susanne Lichtenbergs Empfehlungen für eine stärkenorientierte und genderneutrale Gestaltung von Berufsorientierung und Feedback

  • Klischeefreie, gendersensible, inklusive Feedbackgespräche mit einer Kommunikation auf Augenhöhe
  • Interessen- und potentialgeleitete Berufs- und Studienwahlberatung
  • Gendergerechte Vermittlung von Berufsbildern
  • Wahrnehmen und Erkennen geschlechts(un)typischer  Begabungen, Potentiale  und Berufswünsche
  • Erkennen und Aufzeigen von Potentialen, Begabungen und Berufswünsche
  • Auflösung von Rollenprägungen bei Lehrenden / Beratenden
  • Interesse an Motivation und Motiven der Schüler*innen
  • Hinterfragen: Probleme, Einwände, Widerstände und Motivationsblockaden erkennen und klären
  • Ideen weiterführen, Denkanstöße geben
  • Perspektivwechsel anregen „Think out of the box“
  • Abfragen und gemeinsame Reflexion individueller Vor-Erfahrungen
  • Thematisieren von Sorgen, Ängsten und empfundenen Risikofaktoren der angestrebten Berufsbiografien
  • Anregung zur Reflexion
  • Potentialentfaltung
 

Aus der Perspektive der Bildungsadministration: Dr. Veit Sorge

 

"Bei der Gestaltung der Rahmensetzungen für das Bildungssystem des Landes Bremen in Form von Ordnungsmitteln wie Verordnungen und Richtlinien steht im Hinblick auf eine geschlechtersensible Berufliche Orientierung der Auftrag des Bremer Schulgesetzes im Vordergrund, darin heißt es:

„Die Schule … soll der Ungleichheit von Bildungschancen entgegenwirken und soziale Benachteiligungen abbauen sowie Voraussetzungen zur Förderung der Gleichberechtigung der Geschlechter schaffen. Insbesondere im Rahmen der Berufsorientierung soll der geschlechterspezifischen Ausgrenzung beruflicher Bereiche entgegengewirkt werden.“ (BremSchulG §4 Abs. 3)

 

Diesen Grundsatz greifen in der Folge alle normativen Dokumente zur Gestaltung der Beruflichen Orientierung in Bremen auf. Die Richtlinie zur Berufsorientierung an allgemeinbildenden Schulen formuliert daher in ihren Grundsätzen für die Gestaltung von BO-Maßnahmen:

„Angebote der Berufsorientierung thematisieren geschlechtsspezifisches Rollenverständnis und geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen, die sich auf die Berufs- und Lebensplanung der Schülerinnen und Schüler beziehen, und sind geeignet, diese zu überwinden.“

 

Die Institutionen, die sich durch eine Verwaltungsvereinbarung zur Jugendberufsagentur zusammengeschlossen haben, haben sich zum Ziel gesetzt, diskriminierungsfrei, diversitätsorientiert und gendersensibel zu arbeiten. Maßnahmen der Beruflichen Orientierung werden über alle Alters- und Schulstufen hinweg mit dem Grundsatz verknüpft, die diskursive Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Zuschreibungen und Stereotypen zu führen. Insbesondere beim Girls‘- und Boys’Day fordern wir die Schulen auf, den Perspektivwechsel für die Schülerinnen und Schüler praktisch erlebbar zu machen und dies entsprechend sorgfältig vor- und nachzubereiten.


Die Erkenntnisse der Projektpartner*innen im Projekt zur Beruflichen Orientierung in der Gymnasialen Oberstufe in Bremen zeigen deutlich auf, wie schwierig der Weg der praktischen Umsetzung der in der Gesetzgebung formulierten Grundsätze ist. Erschwert wird der Weg auch durch immer noch in einer Reihe von Bereichen vorhandene Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern sowie in Familien wie Peergroups nach wie vor bestehende Klischees und Vorstellungen. Das Projekt setzt aus meiner Sicht mit seinen unterschiedlichen Facetten starke und wertvolle Impulse, die die Akteur*innen der BO weiter für die Auseinandersetzung mit geschlechterspezifischen Stereotypen und Rollenbildern bei der Entscheidungsfindung der Schüler*innen für ihre berufliche Perspektive sensibilisieren." (Dr. Veit Sorge )

 
Dr. Veit Sorge
ist Referent für Oberschulen und Berufliche Orientierung im Gestaltungsreferat der Bildungsabteilung bei der Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen. Er koordiniert das vom BMBF im Rahmen der „Bildungsketten“ geförderte Projekt der "Beruflichen Orientierung an den Gymnasialen Oberstufen der Gymnasien und Oberschulen sowie an den Beruflichen Gymnasien in den Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven"  von Seiten der ministeriellen Bildungsverwaltung.
 
 
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